AktuellesTagungsbericht

Die Deutschbalten und die baltischen Länder

 

Tagung des Frauenverbandes im BdV e.V. im Heiligenhof, vom 7.-9.08.2022

 

Wie alle Tagungen des Frauenverbandes zu den ehemaligen deutschen Staats- und Siedlungsgebieten zielte diejenige zu  den Baltendeutschen auf Wissensvermittlung über das Sein und Wirken dieser Gruppe in Geschichte und Gegenwart im Baltikum und in der Bundesrepublik. Dabei setzten sich die anwesenden Frauen und Männer mit Fragen aus den Bereichen Geschichte, Kultur, Gesellschaft und Wirtschaft, den Fragen nach der Brückenbauer-Rolle der Baltendeutschen zwischen dem Osten und dem Westen sowie der Festigung der Erinnerungskultur auseinander.

Eröffnung-der-Tagung-Die-Deutschbalten-und-die-baltischen-Länder-Dr.-Maria-Werthan-7.08.2022

Nach der Begrüßung stellte die Präsidentin die Konzeption der Tagung vor. Sie schärfte den Blick für das das jahrhundertelange Wirken der Deutschbalten für die Christianisierung des baltischen Raumes, für die Entwicklung der Stadtkultur mit den Privilegien der patrizischen Selbstverwaltung und dem Gebrauch der deutschen Amtssprache. Diese Städte bildeten Brückenköpfe für den Handels-, Kultur- und Wissensaustausch zwischen deutschen und baltischen Handelsstädten sowie jenen weiter im Norden und im Osten.  Das nationale Erwachen in der Neuzeit und die Polarisierung der nationalen Fragen während der Weltkriege ließ die Deutschbalten heimatlos werden. Heute verweisen sie selbstbewusst auf die Spuren deutscher Geschichte in den baltischen Ländern und pflegen einen regen Austausch mit Esten, Letten und Litauern.

Thomas von Lüpke als Vorsitzender des Deutsch-Baltischen Kulturwerks beim Frauenverband am 7.08.2022

Herr Thomas von Lüpke als Vorsitzender des Deutsch-Baltischen Kulturwerks erläuterte dessen Aufgaben mit Erforschen, Sammeln, Bewahren und Vermitteln sowie den institutionellen Aufbau in Form von drei Säulen. Das Brömserhaus in Lüneburg fungiert als Museum und Begegnungshaus. Das Carl-Schirren-Archiv erfasst die Dokumenten-Sammlung zur baltendeutschen Geschichte und macht sie den Wissenschaftlern zugänglich. Die dritte Säule bildet das Zukunftsforum deutschbaltisches Jugendwerk, welches europäischen Jugendlichen Bildung und Austausch in den Bereichen Politik, Gesellschaft, Wirtschaft, Geschichte und Kultur bietet. Kennzeichnend für das Kulturwerk und vor allem für das Zukunftsforum sind die überregionalen europäischen Netzwerkveranstaltungen in Darmstadt, Dorpat, Lüneburg, Riga, Tallinn oder Vilnius.

Der Kammermusiker Helmut Scheunchen durchleuchtete Geschichte, Bedeutung und Wirkung der Rigaer Liedertafel anhand der Protokolle und Programmvorgaben. Die Liedertafel war Vorbild für das erste Musikfest im Russischen Reich und die heutigen Sängerfeste in Estland, Lettland und Litauen. Die Protokolle des Vereinslebens widerspiegeln ein Abbild des gesellschaftlichen Lebens der Deutschbalten. Sie verdeutlichen die Ausstrahlung der Musikkultur auf das gesellschaftliche Leben der Baltendeutschen und ihre Funktion als Beziehungsgestalter zwischen Künstlern, Musikvereinen und Musikliebhabern im lokalen und im überregionalen Raum.

Andreas Hansen als Bundesvorsitzender der Deutsch-Baltischen Gesellschaft beim Frauenverband am 8.08.2022.

Herr Hansen als Bundesvorsitzender der Deutsch-Baltischen Gesellschaft sprach über den gewachsenen organisatorischen Zusammenhalt der Deutschbalten in der Bundesrepublik vom „Hilfskomitee der evangelisch-lutherischen Deutschbalten“ der Flüchtlinge aus dem Warthegau über die Gründung der Deutsch-Baltischen Landsmannschaft bis zur Umbenennung in Deutsch-Baltische-Gesellschaft im Jahre 2006. Er gab Einblicke in die Aktivitäten der Deutsch-Baltischen-Gesellschaft, die soziale Aufgaben, Fragen des Wertewandels und des Generationenverhältnisses, den Dialog mit den baltischen Ländern sowie die Aufrechterhaltung der Erinnerungskultur, unter dem Motto „wir haben eine Erzählpflicht“ beinhalten.

Prof.-Dr.-Jerzy-Kolacki-beim-Frauenverband-am-8.08.2022

Prof. Dr. Kolacki von der Adam-Mickiewicz-Universität in Posen  verwies darauf, dass die Geschichte des Verweilens der Deutschbalten im Warthegau infolge des Zusatzprotokolls des Hitler-Stalin-Pakts von polnischen Historikern nur spärlich, aber nicht von deutschen und deutschbaltischen Historikern erforscht wurde. Er suchte nach Gründen für diese Zurückhaltung. Zugleich betonte er die Notwendigkeit der Erforschung dieses bewegten Zeitraums in der Geschichte der Deutschbalten und verwies auf die wichtigsten Fragen, die in diesem Zusammenhang zu klären wären.

Dr. Hans-Dieter Handrack als ehemaliger Leiter des BdV-Kulturreferats zeichnete die Porträts von selbstbewussten deutschbaltischen Frauen. Angefangen mit Charlotte von Lieven, die sich nach dem Tode ihres Mannes zur Obersthofmeisterin der Zarin Katharina die Große hoch arbeitete und vom Zaren Nikolaus I. in den Grafen- und  später in den Fürstenstand erhoben wurde. Damit hat sie als Frau die fürstliche Linie derer von Lieven durch ihre Verdienste begründet. Auch Dorothea von Kurland war eine schöne und selbstbewusste Frau, die in diplomatischer Mission nach Warschau reiste und mit den Größen ihrer Zeit verkehrte, angefangen vom russischen Zaren Nikolaus I., Kaiser Friedrich Wilhelm III., Napoleon I. und Talleyrand, Fürst Metternich sowie Goethe und Schiller. Der Reigen der tatkräftigen, starken baltendeutschen Frauen soll hier mit der Gestalt  Margarethes von Wrangel geschlossen werden. Nach dem naturwissenschaftlichen Studium in Tübingen, den Lehr- und Wanderjahren in London, in Berlin und in Paris bei Marie Curie sowie der Leitung der landwirtschaftlichen Forschungsstation in Riga, wurde sie 1923 in Hohenheim die erste ordentliche weibliche Professorin für Pflanzenernährungskunde in Deutschland.

Thomas von Lüpke beim Frauenverband am 8.08.2022

In Vertretung von Dr. Wörster, der zum Beginn der Tagung erkrankte, referierte Herr von Lüpke über die Geschichte der Deutschbalten und der baltischen Länder. Er startete mit der Kurzformel von Heinz von und zu Mühlen für die baltische Geschichte „von der Aufsegelung zur Umsiedlung“. Damit ist der Zeitraum von 1200, beginnend mit der deutschen Besiedlung bis zur Umsiedlung 1939/41 gemeint.  Die im Mittelalter nach deutschem Recht gegründeten Städte entwickelten  sich zu wichtigen Handelsknotenpunkten zwischen West und Ost sowie Nord und Süd. Aus diesem Grund waren sie dauernd den Großmachtbestrebungen von Polen-Litauen, Dänemark, Schweden und Russland ausgesetzt. Durch geschicktes Taktieren konnte sich die patrizische deutsche Oberschicht die Privilegien der Selbstverwaltung und der deutschen Amtssprache über Jahrhunderte sichern. Die deutsche Oberschicht verlor ihre Privilegien bei der Gründung der baltischen Staaten zum Ende des Ersten Weltkrieges. Durch die Umsiedlung infolge des Hitler-Stalin-Paktes wurden die Baltendeutschen heimatlos. Damit endete die Geschichte der Deutschen in den baltischen Staaten. Zugleich mit der „Singenden Revolution“ wandelte sich die Beziehung zwischen den Deutschbalten und den baltischen Ländern. Mit humanitären Hilfsaktionen unterstützten die Deutschbalten die Unabhängigkeitsbestrebungen der baltischen Staaten und ihre nachfolgende Integration in die EU und NATO.

Der Journalist Albert Caspari  und Vorsitzende von Infobalt erörterte das Selbstverständnis und die Identitätsbestrebungen von Esten, Letten und Litauern. Dabei durchleuchtete er auch die medialen Strategien zur Imagebildung und die damit verbundenen Missverständnisse beim Versuch des gegenseitigen Verstehens. Mit detaillierten und differenzierten Angaben zu den Lebenswirklichkeiten der Menschen in den drei baltischen Staaten, ihren Mentalitäten, ihren kulturellen Traditionen, ihren Umgang mit Medien, ihren nachbarschaftlichen und interethnischen Beziehungen sowie ihren Einstellungen zu den Deutschen und zu Europa vergegenwärtigte und vervollständigte Herr Caspari das Bild der Tagungsteilnehmer zu den baltischen Ländern.

Gruppenbild Tagung 9.08.2022

Die Teilnehmergruppe war äußerst heterogen von der Altersstruktur, dem Geschlecht, der Sprache, der Herkunft und der Sozialisation. Das verbindende Element für alle war das Interesse für die Geschichte der Baltendeutschen und die baltischen Länder als europäische Region. Zudem bestand bei allen Anwesenden der Wunsch zum Gedankenaustausch. Es war ein gegenseitiges Annehmen und aufeinander Zugehen, was besonders am Montagabend deutlich wurde, als die polnischen Studentinnen für uns sangen und mit ihren flotten Rhythmen und klangvollem gut aufeinander abgestimmten Gesang viel Applaus und Bravo-Rufe von den Teilnehmern ernteten.

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