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Erinnern, Bewahren, Weitergeben – Internationale Begegnungstagung des Frauenverbandes im BdV im Heiligenhof

Vom 21. bis 23. August 2026 fand in der Bildungs- und Begegnungsstätte Der Heiligenhof in Bad Kissingen die Internationale Begegnungstagung
„Erinnern, Bewahren, Weitergeben – Frauenbiografien und Gedenkorte der deutschen Vertriebenen im europäischen Dialog (Teil 1.)“ statt.

Veranstaltet wurde die Tagung von der Stiftung Sudetendeutsches Sozial- und Bildungswerk in Zusammenarbeit mit dem Frauenverband im Bund der Vertriebenen e. V. Gefördert wurde sie vom Bayerischen Staatsministerium für Familie, Arbeit und Soziales über das Haus des Deutschen Ostens in München. Die Tagungsleitung lag bei Hiltrud Leber, Präsidentin des Frauenverbandes im BdV e. V.

Insgesamt nahmen 47 Personen einschließlich der Referentinnen und Referenten an den drei Tagen teil. Im Mittelpunkt standen Frauenbiografien, persönliche Erinnerungen und Zeitzeugenberichte, Gedenkorte, die Weitergabe an jüngere Generationen und die Frage, wie Erinnerung zu Verständigung im europäischen Dialog beitragen kann.

Hiltrud Leber begrüßte die Teilnehmerinnen und Teilnehmer sowie die Referenten und stellte in ihrem Impulsvortrag die drei Leitbegriffe der Tagung in den Mittelpunkt: Erinnern – Bewahren – Weitergeben.

Flucht und Vertreibung seien nicht nur historische Daten, politische Entscheidungen und Grenzverschiebungen. Dahinter stünden Menschen, Familien und Lebensgeschichten. Gerade Frauen trugen in den Jahren von Krieg, Flucht und Vertreibung eine enorme Verantwortung: Sie hielten Familien zusammen, versorgten Kinder, ältere und kranke Angehörige und organisierten unter schwierigsten Bedingungen das tägliche Überleben. Beim anschließenden Neubeginn waren sie ebenfalls maßgeblich beteiligt und bewahrten zugleich Sprache, Bräuche, Lieder, Rezepte, Fotografien und Erinnerungen an die verlorene Heimat.

Viele Frauen hätten später kaum über ihre eigenen Erfahrungen gesprochen. Umso wichtiger sei es heute, ihre Lebensgeschichten sichtbar zu machen und zu fragen: Wer hat Erinnerung getragen? Wer hat kulturelle Identität weitergegeben? Und wer hat nach Flucht und Vertreibung den gesellschaftlichen Neubeginn mit ermöglicht?

Dr. Petra Loibl MdL, Beauftragte der Bayerischen Staatsregierung für Aussiedler und Vertriebene, griff diese Gedanken in ihrem Grußwort auf. Sie machte deutlich, dass die Geschichte von Flucht und Vertreibung noch immer häufig aus politischer und militärischer Perspektive erzählt werde, während die Erfahrungen und Lebensleistungen der Frauen stärker in den Mittelpunkt der Erinnerungskultur gerückt werden müssten.

Mit der Ausstellung „Ungehört – die Geschichte der Frauen“ sei ein wichtiger Impuls gesetzt worden, dieser könne jedoch nur ein Anfang sein. Ebenso betonte Dr. Loibl die europäische Perspektive: Die Erfahrungen unterschiedlicher Opfergruppen dürften nicht gegeneinander aufgerechnet werden. Erinnerung solle vielmehr dazu beitragen, den Menschen eine Stimme zu geben und über Länder- und Generationengrenzen hinweg Verständigung zu ermöglichen.

Ein besonderer Dank gilt Dr. Petra Loibl auch für ihren persönlichen Einsatz und ihr großes Engagement für das Zustandekommen der Finanzierung dieser Tagung. Nachdem uns von Seiten des Bundesministeriums des Innern (BMI) aufgrund fehlender Fördermittel keine Förderung in Aussicht gestellt werden konnte, setzte sie sich dafür ein, eine andere Fördermöglichkeit zu eröffnen. Dadurch konnte die Tagung schließlich realisiert werden. Für diese Unterstützung und ihr persönliches Engagement danken wir ihr sehr herzlich.

Den ersten fachlichen Beitrag gestaltete Wolfgang Freyberg, langjähriger Leiter und Direktor des Kulturzentrums Ostpreußen im Deutschordensschloss Ellingen. Unter dem Titel „Ost- und westpreußische Kultureinrichtungen als Orte europäischer Erinnerung“ zeigte er die Bedeutung von Museen, Sammlungen und kulturellen Einrichtungen für die Bewahrung und Vermittlung von Geschichte.

Unterstützt wurde sein Vortrag von Gabriela Blank, die das Haus der Deutschen Gesellschaft in Allenstein, das Haus-Kopernikus sowie über die von ihr durchgeführte Zeitzeugenbefragungen berichtete.

Ein besonderer Programmpunkt war die Begegnung mit der Zeitzeugin Herta Mahlo. Da sie leider nicht persönlich nach Bad Kissingen anreisen konnte, wurde sie online zugeschaltet. Es entstand ein sehr persönliches und lebendiges Interview, das bei den Teilnehmerinnen und Teilnehmern großen Anklang fand.

Herta Mahlo, 1931 in Westpreußen geboren, berichtete von Vertreibung und mehreren Jahren Zwangsarbeit in sowjetisch-polnischer Gefangenschaft. Gleichzeitig erzählte sie von ihrem späteren Weg zur Verständigung. Nach Begegnungen in ihrer früheren Heimat lernte sie Polnisch und engagierte sich über Jahrzehnte für die deutsch-polnische Verständigung und den Dialog zwischen den Generationen.

Ihr Lebensweg machte eindrucksvoll deutlich, dass die Erinnerung an erlittenes Unrecht und das Bemühen um Verständigung keine Gegensätze sein müssen.

Am Freitagabend bot eine Vorstellungsrunde Gelegenheit zum persönlichen Kennenlernen. Dabei zeigte sich, wie vielfältig die Herkunftsgeschichten der Teilnehmerinnen und Teilnehmer waren. Vertreten waren unter anderem familiäre Wurzeln in Ost- und Westpreußen, Schlesien, dem Sudetenland, Kroatien, bei den Deutschen aus Russland sowie bei Banater Schwaben und Donauschwaben.

Gerade diese Vielfalt prägte die Tagung. Unterschiedliche Familiengeschichten, Erinnerungsräume und Erfahrungen kamen miteinander ins Gespräch.

Der Samstag begann mit einem sehr persönlichen Vortrag von Heidrun Ratza-Potrÿkus. Sie berichtete aus ihrer eigenen Familiengeschichte und stützte sich dabei insbesondere auf Aufzeichnungen ihrer Mutter und zahlreiche Gespräche mit ihr. So entstand ein eindrucksvolles Bild vom Leben der Familie in Westpreußen, vom Verlust der Heimat und vom Neubeginn.

Ihr Beitrag zeigte beispielhaft, welche Bedeutung familiäre Überlieferung besitzt. Erinnerungen, die nicht erzählt oder festgehalten werden, können innerhalb weniger Generationen verloren gehen.

Dr. Swantje Volkmann, Kulturreferentin für den Donauraum am Donauschwäbischen Zentralmuseum in Ulm, stellte in ihrem Vortrag „Ohne Erinnerung keine Gegenwart – Erinnerungskultur und Verständigung im Donauraum grundlegende Fragen der Erinnerungsarbeit:

Was ist Erinnerungskultur? Warum ist Erinnerungskultur wichtig? Wie können wir sie fördern? Welche Rolle spielen Zeitzeuginnen und Zeitzeugen? Wie beeinflusst Technologie unsere Erinnerung? Und was geschieht mit einer Tradition, wenn die Gesellschaft, in der sie entstanden ist, nicht mehr existiert?

Ihr Vortrag verdeutlichte, dass Erinnerungskultur nichts Starres ist. Sie muss sich verändern und neue Formen der Vermittlung finden, wenn Geschichte, Traditionen und kulturelles Erbe auch kommende Generationen erreichen sollen.

Zum Abschluss stellte Dr. Volkmann drei Beispiele praktischer Vermittlungsarbeit vor: das Malbuch „Mei Oma kummt aus Johrmarkt“, die Publikation „Fragen an früher“, herausgegeben vom Kulturreferat für Pommern und Ostbrandenburg am Pommerschen Landesmuseum, sowie „Finef Johr vun meim Lewe“ über die Deportation in die Bărăgan-Steppe Rumäniens von 1951 bis 1956, das Begleitheft zu einer Ausstellung.

Die unterschiedlichen Formate zeigten anschaulich, wie historische Erfahrungen für verschiedene Generationen zugänglich gemacht werden können.

Eindrucksvoll war der biografische Vortrag von Siegrun Jäger über das Leben im Banat der 1980er-Jahre. Sie berichtete von Studienzeit und erster Lehramtsstelle, Lebensmittelkarten sowie der Überwachung durch die Securitate. Bewegend war die Entscheidung ihres Vaters, auf eine frühere Ausreise zu verzichten, weil seine Frau und die beiden Töchter ihm jahrelang nicht hätten folgen dürfen. Da er selber ducrch Krieg und Flucht seine Eltern verloren hatte, war ihm der Zusammenhalt der Familie wichtiger und er blieb. Am 15. Dezember 1989 scheiterte schließlich ein von Schleppern organisierter Fluchtversuch. Siegrun Jäger kam mit ihrer Familie in Untersuchungshaft nach Oradea und wurde während des politischen Umsturzes freigelassen. Wenige Monate später siedelte sie mit ihrer Familie nach Deutschland über. Ihr Vortrag machte eindrucksvoll deutlich, was Diktatur, Überwachung, Flucht und familiärer Zusammenhalt für den einzelnen Menschen bedeuten können.

Am Samstagnachmittag wurde Erinnerungsarbeit in drei Workshops praktisch weitergedacht.

Thomas Dapper, Autor und Filmemacher, beschäftigte sich mit der Frage „Erinnerung vermitteln – wie spreche ich mit jungen Menschen?“

Dr. Maria Werthan, Ehrenpräsidentin des Frauenverbandes im BdV, stellte unter dem Thema „Frauen als Trägerinnen von Erinnerung“ Biografiearbeit und Erzählcafé in den Mittelpunkt.

Emily Steinmeister, Referentin für strategische Presse- und Öffentlichkeitsarbeit beim Bund der Vertriebenen, arbeitete mit den Teilnehmerinnen und Teilnehmern zur Frage, wie der Frauenverband sichtbar gemacht und seine Erinnerungskultur, sein gesellschaftlicher Dialog und seine Verantwortung zeitgemäß nach außen vermittelt werden können.

Am Abend wurden die Ergebnisse der Workshops gemeinsam vorgestellt und diskutiert. Danach klang der Tag in geselliger Runde aus. Gemeinsam wurden Volks- und Heimatlieder ebenso wie moderne Lieder gesungen. So verbanden sich nach einem intensiven Tag Tradition, Gemeinschaft und Gegenwart auf ganz natürliche Weise.

Der Sonntag weitete den Blick nochmals auf die europäische Dimension.

Unter dem Titel „Verlorene Heimat, gemeinsame Zukunft – grenzüberschreitende Erinnerungskultur und Völkerverständigung in Europa“ berichteten Sergiu-Petru Dema, Direktor des Kulturhauses Hatzfeld/Jimbolia in Rumänien, und der Historiker, Kulturvermittler und Vorsitzende der Heimatortsgemeinschaft Hatzfeld Walter Tonța über aktuelle Erinnerungs-, Museums- und Kulturarbeit in Hatzfeld im Banat.

Dabei wurde deutlich: Eine europäische Erinnerungskultur bedeutet nicht, unterschiedliche historische Erfahrungen einzuebnen. Sie entsteht vielmehr dort, wo Menschen bereit sind, die Erinnerungen des anderen anzuhören und miteinander ins Gespräch zu kommen.

Frühere deutsche Heimatorte sind heute Heimat anderer Menschen. Kirchen, Friedhöfe, Museen, Archive, Gedenkhäuser und historische Gebäude können zu gemeinsamen Orten der Erinnerung werden, so wie das in Hatzfeld geschieht.  Orten, die lange mit Verlust und Trennung verbunden waren, können so Orte der Begegnung und Verständigung werden.

Die drei Tage im Heiligenhof haben zugleich sehr deutlich gezeigt, warum die Arbeit des Frauenverbandes im BdV auch heute wichtig und notwendig ist.

Die Lebensgeschichten und Lebensleistungen vieler Frauen drohen verloren zu gehen, wenn sie nicht dokumentiert, erzählt und weitergegeben werden. Zugleich befinden wir uns in einem Generationswechsel. Die Zahl der Zeitzeuginnen und Zeitzeugen wird kleiner, während junge Menschen neue Zugänge zur Geschichte benötigen.

Genau hier liegt eine zentrale Aufgabe des Frauenverbandes. Er gibt Frauen und ihren Erfahrungen eine Stimme, bewahrt persönliche Erinnerungen, bringt Generationen miteinander ins Gespräch und schafft Räume für Begegnung. Er verbindet Frauenbiografien, Erinnerungsarbeit, politische Bildung, gesellschaftlichen Dialog und europäische Verständigung.

Die Arbeit des Frauenverbandes richtet sich deshalb nicht nur zurück in die Vergangenheit. Sie ist auch Zukunftsarbeit.

Zum Abschluss der Tagung stand die gemeinsame Frage: Was nehmen wir aus diesen drei Tagen mit in unseren Alltag und in unsere weitere Arbeit?

Die Antwort lässt sich mit den drei Leitbegriffen der Tagung zusammenfassen:

Erinnern heißt, Menschen ihre Geschichte und ihre Stimme zu erhalten.
Bewahren heißt, Biografien, Dokumente, Orte und kulturelles Erbe nicht dem Vergessen zu überlassen.
Weitergeben heißt, Erinnerung so zu vermitteln, dass auch kommende Generationen einen eigenen Zugang dazu finden.

So kann Erinnerung zu einer Brücke werden – zwischen den Generationen, zwischen unterschiedlichen Herkunftsgeschichten, zwischen früheren und heutigen Bewohnern einer Heimat und zwischen den Menschen Europas.

Ein herzliches Dankeschön gilt allen Referentinnen und Referenten, allen Teilnehmerinnen und Teilnehmern, den Verantwortlichen des Heiligenhofs sowie allen, die mit ihren persönlichen Geschichten, ihren Erfahrungen, ihren Fragen und ihrem offenen Austausch zum Gelingen dieser besonderen Begegnungstagung beigetragen haben.

Hiltrud Leber

Fotos: Christina Lind, Thomas Dapper, Hiltrud Leber

 

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