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Frauenverband in Hermannstadt: Minderheitenrechte, Frauenbilder und Zivilgesellschaft in Rumänien

Frauenverband in Hermannstadt, 15. Juni 2026

Den Schwerpunkt der zweiten Tageshälfte bildeten Vorträge zur Situation der deutschen Minderheit in Rumänien, zum Frauenbild im gesellschaftlichen Wandel sowie zur Entwicklung zivilgesellschaftlicher Initiativen in der rumänischen Gesellschaft.


Tätigkeit des Demokratischen Forums der Deutschen in Rumänien in der Interessenvertretung der deutschen Minderheit und im europäischen Minderheitendialog

Referent: Benjamin Józsa, Geschäftsführer des DFDR, Sprecher der Arbeitsgemeinschaft Deutscher Minderheiten (AGDM) in der Föderalistischen Union Europäischer Nationalitäten (FUEN)

In seiner Doppelfunktion als Geschäftsführer des Demokratischen Forums der Deutschen (DFDR) in Rumänien und Sprecher der Deutschen Minderheiten in der Föderalistischen Union Europäischer Nationalitäten (FUEN) erläuterte Benjamin Józsa Strukturen und Arbeitsweisen der beiden nationalen bzw. internationalen Gremien. Er sprach über die Kulturarbeit in den gut vernetzten Orts-, Kreis- und Regional-Foren der Siebenbürger Sachsen, Landler, Banater Schwaben, Sathmar Schwaben, Berglanddeutschen, Bukowinadeutschen, Dobrudschadeutschen, Deutschen im Altreich und Zipsern unter dem Dach der Geschäftsstelle in Hermannstadt. Das Demokratische Forum der Deutschen nimmt die politische Vertretung der Deutschen im rumänischen Parlament wahr, ohne sich einer einzelnen Partei zuzuordnen. Als bodenständige historische Minderheiten, deren Einwanderung zum Teil ins 12. Jahrhundert zurück reicht, gelten die Deutschen in Rumänien als vollwertige Bürger mit politischer und sozialer Teilhabe und dem Recht auf ein eigenständiges Kulturleben zur Pflege der deutschen Sprache, der kulturellen Traditionen zwecks Sicherung der Identität. Die Minderheitenrechte stehen allen Minderheiten in Rumänien zu. Herr Józsa betonte, dass diese gesetzliche Grundlage für ein gutes Miteinander zwischen Rumänen und Deutschen und auch zwischen den Minderheiten sorgt.

Als Sprecher der Arbeitsgemeinschaft der Deutschen Minderheit in der FUEN vertritt Herr Jósza die Anliegen der deutschen Minderheit aus Europa und Zentralasien gegenüber den nationalen Parlamenten und koordiniert die Zusammenarbeit der Minderheiten durch Erarbeitung von Resolutionen, die Organisation von Projekten und Zukunftswerkstätten.

Frauenbilder und gesellschaftlicher Wandel in Rumänien – Entwicklungen zwischen traditionellen Rollenverständnissen und Emanzipation

Referentin: Prof. Ioana-Narcisa Crețu, Prodekanin an der Fakultät für Sozial- und Humanwissenschaften der Lucian-Blaga-Universität in Hermannstadt

Prof. Ioana-Narcisa Cretu / Prodekanin der Fakultät für Sozial- und Humanwissenschaften der Lucian-Blaga-Universität sprach über Frauenbilder im gesellschaftlichen Wandel. Ende des 19. Jahrhunderts begannen sich die rumänischen bürgerlichen Frauen in Vereinen zu organisieren, um politische Rechte und Frauenbildung zu kämpfen. Die ersten Frauen studierten in Klausenburg / Cluj, Bukarest und Hermannstadt / Sibiu. Der 1861 gegründete Verein „Astra“ für rumänische Literatur und Kultur unterhielt Gymnasien mit Internaten, um die Frauen zu fördern. Durch zielgerichtete Vereinsarbeit erkämpften die Frauen schon 1932 die zivilrechtliche Gleichstellung mit den Männern. Diese Rechtsstellung erreichten die Frauen in der Bundesrepublik mehr als 30 Jahre später.

Dem bürgerlichen Frauenbild stellte Frau Prof. Cretu die Rolle der Frau im Staatssozialismus gegenüber. Dabei zeichnete sie ein widersprüchliches Frauenbild; die hart an der Seite der Männer in Landwirtschaft, Schwerindustrie, Forschung… arbeitende Frau wurde zugleich auf ihre reproduktive Funktion festgelegt. Als „Mutter der Nation“ war sie gesetzlich verpflichtet für das Bevölkerungswachstum zu sorgen. Schwangerschaftsabbrüche wurden kriminalisiert. Die totale staatliche Kontrolle gepaart mit sexueller Ausbeutung und ökonomischer Ausbeutung, festigten die patriarchalischen Denkmuster und Strukturen in der Gesellschaft, aber auch die Gewalt gegen Frauen. Widerwillig geborene Kinder wurden „Decretel“ genannt – eine Anspielung an den Gesetzeserlass, der Schwangerschaftsabbrüche verbot. Viele der Kinder landeten in Heimen und verwahrlosten. Die inhumanen Umgangsweisen mit den Frauen und den unerwünschten Kindern werfen bis heute ihre Schatten auf die Gesellschaft. Trotz vielfältiger Hilfsangebote für Frauen mit Gewalterfahrungen, wird eine hohe Dunkelziffer von nicht erfassten Gewalttaten vermutet, wobei auch die Spanne zwischen angezeigten Straftaten und Strafurteilen hoch ist.

Die Arbeitsmigration in der Gegenwart ist eine große Herausforderung für die rumänische Gesellschaft. Die Familien werden getrennt, Kinder bleiben in prägenden Lebensphasen ohne elterliche Betreuung. Ihnen fehlen wichtige Ansprechpartner und Identifikationsfiguren. Großeltern und Geschwister können diese Lücke nicht füllen und sind oft mit der Aufgabe überfordert. Im Rahmen ihrer Lehrtätigkeit begegnet Frau Prof. Cretu häufig Studenten, welche sie bei der Aufarbeitung ihrer traumatischen Erfahrungen ehrenamtlich begleitet.

Durch die komplexe Darstellung wichtiger Veränderungen in der gesellschaftspolitischen Rolle der Frau und konkreten Beispielen aus der ehrenamtlichen sozialen Arbeit lieferte Frau Prof. Cretu einen differenzierten Überblick zur Situation der Frauen in Rumänien.


Entwicklung der rumänischen Zivilgesellschaft seit 1990 – Beteiligung von Minderheiten und Rolle zivilgesellschaftlicher Initiativen

Referent: Roger Pârvu

Herr Roger Parvu suchte die Anfänge des zivilgesellschaftlichen Engagements im Mittelalter beim Wirken der Klöster und Zünfte für Witwen und Waisenkinder, aber auch für das kulturelle Leben in der Gemeinschaft. In der Zwischenkriegszeit gelangte das Vereinsleben in Rumänien zu einer Hochblüte. Im Kommunismus wurde das freie Vereinswesen unterdrückt. Von der Wiege bis zur Bahre waren die Partei Organisationen – Pioniere, Falken, UTC, Kommunistische Partei – tonangebend und oft zwingend.

Nach 1990 sprossen die Vereine wie Pilze aus dem Boden. Dabei waren nicht immer humanitäre Gründe maßgeblich, sondern die Möglichkeit des zollfreien Imports. Nach Abschaffung der Zollfreiheit reduzierte sich die Zahl der Vereine um 80 %. Unter der Regierung Iliescu erwachte die Zivilgesellschaft. Der Präsident rief die Bergarbeiter zur gewaltvollen Niederschlagung der Demonstranten in Bukarest. Für die Regierung entwickelte sich der Appell an die Bergarbeiter zum Bumerang, weil auch sie ihre zivilgesellschaftliche Macht erkannten und bei Unzufriedenheiten erneut gegen Bukarest marschierten.

Ein großes Ärgernis für viele Bürger blieb der Verbleib oder die Infiltrierung der alten Machtelite in den neuen Verwaltungs-/Machtstrukturen. Punkt 8 der Temeswarer Deklaration verbot die Abgabe von Ämtern an die Mitglieder der alten Nomenklatura. Ab dem Jahre 2000 gründeten sich zahlreiche zivilgesellschaftliche Vereine mit Unterstützung der deutschen Stiftungen Friedrich Naumann und Friedrich Ebert sowie der Soros Fundation. 2013 erreichte der von zivilgesellschaftlichen Vereinen koordinierte Protest die Stilllegung des Uranabbaus in Rosia-Montana mit der Anerkennung als UNESCO Schutzgebiet. Zwei Jahre später beim Brand in einer Disco mit 64 Toten gelang es den Vereinen die Zivilgesellschaft zu mobilisieren, mit dem Motto: „Coruptia ucide / Korruption tötet“. Die Kampagne führt zum Sturz der Regierung. Dadurch erkennt die Zivilgesellschaft ihre Macht als Möglichkeit, die gesellschaftlichen Verhältnisse zu ändern.  2017 versuchte die rumänische Regierung die Korruption mit einem Gesetz zu legalisieren, welches die Veruntreuung von 100.000 Lei als Kavaliersdelikt einordnete. In Hermannstadt erklärten die Bürger daraufhin die Straßenseite gegenüber dem Sitz der Sozialistischen Partei zur „korruptionsfreien Zone“. Über Monate, bis zur Annullierung des Gesetzes trafen sich die Bürger zu bestimmten Uhrzeiten täglich, um schweigend auf die Parteizentrale zu schauen. Bedeutsam in diesem Prozess des wachsenden Bewusstseins von der Macht der Zivilgesellschaft ist die Unterstützung der Diaspora und die Vielzahl der jungen Menschen, die sich ehrenamtlich in die Projekte und in die dauerhaften zivilgesellschaftlichen Strukturen einbringen. Mit medialer Unterstützung gelang es in der Bevölkerung, ein neues Bewusstsein zu schaffen.  Ein Vorzeigeprojekt der zivilgesellschaftlichen Initiativen bleibt das Krankenhaus für krebskranke Kinder – von über 350.000 Bürgern getragen. In der Pandemie organisierten die Vereine die Masken für die Bevölkerung. Heute sind sie aktiv in der Ukraine Hilfe tätig. Zudem wirkten sie bei der Aufdeckung der „Panama Papers“ und der Brandmarkung der Korruption in der Kirche mit. Von Seiten des Staates gibt es neben Anerkennung auch Misstrauen gegenüber dem „Wachhund der Demokratie“. Der Staat ist bestrebt, die Vereine zu kontrollieren, indem er die Offenlegung der Spender verlangt. Die Zuhörer verfolgten Herr Parvus kompetente, detaillierte und lebendige Schilderungen über die wechselhaften Entwicklungen im Vereinsleben und dem erfolgreichen Wirken der Zivilgemeinschaft in der postkommunistischen Ära mit großem Interesse.

Dr. Maria Werthan

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