Zweiter Tag der Internationalen Auslandstagung in Hermannstadt/Sibiu
Der zweite Tag der Internationalen Auslandstagung des Frauenverbandes im Bund der Vertriebenen (BdV) e. V. in Hermannstadt/Sibiu stand ganz im Zeichen von Stadtgeschichte, Minderheitenfragen, gesellschaftlichem Wandel und europäischem Dialog.
Nach dem gemeinsamen Frühstück begann der erste Seminartag mit einem Empfang im Rathaus von Hermannstadt. Im Gespräch ging es um die Rolle der deutschen Minderheit im kommunalen und gesellschaftlichen Leben sowie um das Zusammenleben der verschiedenen Bevölkerungsgruppen in der Stadt. Hermannstadt bot dafür einen besonders passenden Rahmen, da die Stadt seit Jahrhunderten durch das Miteinander unterschiedlicher kultureller, sprachlicher und religiöser Gemeinschaften geprägt ist.
Bürgermeisterin Astrid Cora Fodor gehört dem Demokratischen Forum der Deutschen in Rumänien, kurz DFDR/FDGR, an. Ihr aktuelles Mandat läuft von 2024 bis 2028; es ist ihr drittes Mandat als Bürgermeisterin von Sibiu. Sie wurde in Hermannstadt geboren, studierte Wirtschaftswissenschaften und Verwaltung und war beruflich zunächst in der Fabrik Libertatea tätig. Später wechselte sie in die Kommunalpolitik. Im Jahr 2004 wurde sie Stadträtin, ab 2008 war sie Vizebürgermeisterin. Nachdem Klaus Johannis/Iohannis zum rumänischen Staatspräsidenten gewählt worden war, übernahm sie Ende 2014 zunächst kommissarisch das Bürgermeisteramt. 2016 wurde sie erstmals direkt zur Bürgermeisterin gewählt und 2020 im Amt bestätigt. Nach der Kommunalwahl 2024 legte sie am 6. November 2024 den Eid für ihr neues Mandat ab.
Im Anschluss führte Roger Pârvu die Teilnehmerinnen bei einem fachhistorischen Rundgang durch Hermannstadt. Dabei erläuterte er die Stadtgeschichte, die historische Rolle der deutschen Stadtgemeinschaft und das Zusammenleben verschiedener Bevölkerungsgruppen. Der Rundgang machte deutlich, wie stark die deutsche Geschichte mit der Entwicklung Hermannstadts verbunden ist und wie sichtbar diese Spuren bis heute im Stadtbild geblieben sind.
Nach dem gemeinsamen Mittagessen im Hotel MyContinental wurde das Seminarprogramm im Konferenzraum des Hotels fortgesetzt. Benjamin Józsa, Geschäftsführer des Demokratischen Forums der Deutschen in Rumänien, sprach über die Tätigkeit des Forums, die Interessenvertretung der deutschen Minderheit und den europäischen Minderheitendialog. Dabei wurde deutlich, welche Bedeutung das DFDR für die politische, kulturelle und gesellschaftliche Vertretung der deutschen Minderheit in Rumänien hat.
Benjamin Józsa wurde 1973 in Hermannstadt geboren. Er studierte Philologie an der Lucian-Blaga-Universität Sibiu mit Schwerpunkt deutsche und rumänische Literatur. Seit vielen Jahren ist er in der institutionellen Vertretung der deutschen Minderheit in Rumänien aktiv. Von April 2006 bis Mai 2014 war er Geschäftsführer des Demokratischen Forums der Deutschen in Siebenbürgen, seit April 2014 ist er Geschäftsführer des Demokratischen Forums der Deutschen in Rumänien. Im November 2025 wurde er bei der Jahrestagung der Arbeitsgemeinschaft Deutscher Minderheiten in der Föderalistischen Union Europäischer Nationalitäten zum neuen Sprecher gewählt.
Ein weiterer inhaltlicher Schwerpunkt des Tages widmete sich den Frauenbildern und dem gesellschaftlichen Wandel in Rumänien. Prof. Univ. Dr. Ioana-Narcisa Crețu von der Lucian-Blaga-Universität Hermannstadt gab Einblicke in Entwicklungen zwischen traditionellen Rollenverständnissen und Emanzipation.
Prof. Univ. Dr. Ioana-Narcisa Crețu ist Professorin an der Universität „Lucian Blaga“ in Sibiu, Fakultät für Sozial- und Humanwissenschaften, im Department Soziale Arbeit, Journalismus, Public Relations und Soziologie. Ihre Lehr- und Forschungsschwerpunkte liegen unter anderem in Kommunikationswissenschaft, Journalismus, Mediensprache, Stilistik, deutsch-rumänischer kontrastiver Forschung und crossmedialem Journalismus. Seit dem 1. Oktober 2015 ist sie als Professorin an der Universität Lucian Blaga tätig. Zuvor war sie dort seit 1996 als wissenschaftliche Mitarbeiterin, Assistentin, Lektorin und außerordentliche Professorin beschäftigt. Ihre akademische Ausbildung umfasst ein Studium der deutschen und rumänischen Sprache und Literatur sowie eine Promotion im Bereich Stilistik. Studien- und Forschungsaufenthalte führten sie unter anderem an die Universitäten Bonn, Tübingen und Utrecht. Laut ihrem offiziellen Lebenslauf veröffentlichte sie 14 Bücher sowie über 100 wissenschaftliche Artikel in Rumänien und im Ausland.
Zum Abschluss des Seminartages sprach Roger Pârvu über die Entwicklung der rumänischen Zivilgesellschaft seit 1990. Dabei ging es um die Beteiligung von Minderheiten und um die Rolle zivilgesellschaftlicher Initiativen nach dem politischen Umbruch. Der Vortrag zeigte, wie sich neue Formen gesellschaftlicher Mitwirkung entwickelt haben und welche Bedeutung Dialog, Eigeninitiative und Minderheitenvertretung bis heute besitzen.





Der Tag endete mit einem gemeinsamen Abendessen im Restaurant Hermania in Hermannstadt. Serviert wurden eine Vorspeisenplatte, gegrillte Forelle aus eigener Zucht auf Gemüsereis sowie Apfelstrudel mit Vanillesauce. Dazu gab es leckeren Holundersaft. Nach einem inhaltlich dichten und eindrucksvollen Seminartag bot der Abend Gelegenheit, Gespräche fortzusetzen, Eindrücke auszutauschen und die Gemeinschaft innerhalb der Tagungsgruppe weiter zu vertiefen.
Fotos: Lilia Antipow, Monika Wittek, Roger Parvu



